Shoppen in Bad Münder

Shoppen in Bad Münder?

by Stephan Rykena

Die drei Mittfünfzigerinnen an der Haltestelle vor der Klinik schienen Spaß zu haben. Der heimliche Piccolo tat seine Wirkung.

„Dreimal in die Stadt“, sagte die Dunkelhaarige, während die beiden anderen sich, wie früher in Schulzeiten,  auf die hintere Bank im Bus hangelten.
„Wir wollten shoppen!“, lachte sie, während sie auf die Tickets wartete.

Ich sah sie mit einem vielsagenden Lächeln an.
„Shoppen? “, wiederholte ich und gab ihr das Wechselgeld. „Was wollen Sie denn kaufen? Lebensmittel oder Kosmetika?“

Sie lachte. „Quatsch. Schuhe und Klamotten! Sagen Sie uns Bescheid, wo wir aussteigen müssen.“
Sie schleuderte sich neben ihre beiden Mitstreiterinnen ganz hinten und zwei weitere Fahrgäste stiegen ein.
Es wurde laut auf der Fahrt. Die Frauen lachten und kicherten.

Am Feuerteich zeigte ich ihnen den Weg in die Fußgängerzone und sah ihnen grinsend nach.
„Shoppen“ dachte ich. „Na dann man los!“

Knapp anderthalb Stunden später standen die drei Grazien  an der Markt-Haltestelle. Irgendwie schien die Stimmung gelitten zu haben, hatte ich das Gefühl.
Der etwa sechzigjährige Mann, der schon seit dem Verbrauchermarkt im Bus saß, lächelte die schicken Frauen nickend an, erhielt aber kaum einen Reaktion.

„Na, das ist ja wohl trübes Nest hier“, sagte die Blonde.
„Oder haben wir die entscheidenden Geschäfte übersehen?“

Ich zuckte mit den Schultern und fuhr los.

Der Sechzigjährige drehte sich zu den Frauen um und fragte, was sie denn gesucht hätten.

„Na Klamottenläden und ‘n schickes Lokal oder so.“

Er erzählte Ihnen, dass dafür wohl eher Hannover oder Hameln infrage kämen. „Aber Bad Münder ist eigentlich wunderschön“, sagte er.
„Die vielen alten Fachwerkhäuser und der schöne Kurpark“, pries er die Stadt in den schillernsten Farben an „dann noch der…..“

Weiter kam er nicht, denn die Dunkelhaarige  machte eine abwertenden Handbewegung und brummte „Ist doch alles tot!
Die Geschäfte sind doch alle leer. Wir wollten shoppen, verstehen Sie!
Fachwerkhäuser gibt’s doch überall.“

Der Mann gab noch nicht auf. „Wissen Sie, ich bin hier aufgewachsen. Rund um die Stadt kann man wunderschön wandern und spazieren gehen im Süntel und im Deister. Und im Winter kann man hier sogar…..“

Die Frauen schüttelten vehement die Köpfe und erklärten ihm, dass er völlig auf dem Holzweg sei.
„Wir wollten uns einfach einen lustigen Nachmittag machen, junger Mann!
Wenn wir wandern wollen, ziehen wir uns die Wanderschuhe an und keine Pumps“, sagte die Rothaarige mit leicht sächsischem Dialekt und zeigte ihm demonstrativ ihre Schuhe.
„In meiner letzten Kur war ich auf Norderney, ohne Fachwerkhäuser und Berge und das war genau das, was ich auch hier erhofft hatte.
Ne schicke kleine Stadt mit schicken Geschäften und nicht so eine…..“

Der Rest der Fahrt verlief schweigend mit einem schweigend grinsenden Busfahrer.